Interessantes rund um Braille  -   Allgemeine I N F O S zu . . .


INHALT:

- Bergsteigen . Blindes Vertrauen
Als Kind  verlor der Amerikaner Erik Weihenmayer sein Augenlicht. Jetzt hat er den Mount Everest bestiegen - und gilt als einer der besten Bergsteiger der Welt.

- Klettern mit Sehbehinderten. Zwischen Himmel und Donautal!
Für viele Sehbehinderte und Blinde bietet der Klettersport die Möglichkeit, eigene Fähigkeiten besser einzuschätzen, Selbstvertrauen zu gewinnen und Sozialverhalten zu trainieren. Die Kletter AG ist ein gelungenes Beispiel des Integratlven Konzepts, das Schule macht.

- Projekt "Naturerlebnis Erlensee" in Kirchhain (Hessen).
Akustikstation bietet Naturgeräusche vom Band    und Erlebnispfad. Interessant für Blinde und Sehende.

- Infos über die langjährige Zusammenarbeit mit dem Fachbereich "Industrial Design" der    Universität Essen:
  http://www.uni-essen.de/industrial-design/unsichtbar/

- Das Blindenschrift-Alphabet. Wie ist es aufgebaut?

- Links zu anderen Blindenorganisationen und interessanten Stellen



"Nicht die angenehmen Dinge bringen uns weiter, sondern die schwierigen", sagt Erik Weihenmayer. Ein kluger Satz. Aber ... was ist nur mit diesen Augen los? Schauen auf einmal so nachdenklich. Obwohl sie doch eigentlich nicht sehen können... Eigentlich. Erik Weihenmayer scheint jede Bewegung im Zimmer zu registrieren. Als gäbe es subtile Signale, die ihm anzeigen, ob sein Gegenüber sich gerade nach vorne oder zur Seite beugt. Ob er sich mit ähnlichen Tricks am Felsen oder in einer Eiswand orientiert?
Der Mann, der als einer der besten Bergsteiger der Welt gilt, kennt die Fragen von Menschen, die anfangen, seine Geschichte zu glauben. Blinder besteigt Mount Everest. "Hätte mir das jemand vor ein paar Jahren erzählt, hätte ich auch abgewunken: Das ist ja verrückt! Heute sage ich: Es ist wichtig, dass wir an Dinge glauben."
Nicht immer klang Erik Weihenmayer, der heute in ganz Amerika Vorträge zu Erfolg und Teamwork hält, so optimistisch. Als er im Alter von 13 Jahren aufgrund der angeborenen Augenkrankheit Retinoschisis erblindet, fällt er in eine Depression. Am schlimmsten sei die "graue Zone zwischen Sehen und Blindheit" gewesen, denkt er zurück. Er sei vom Gehsteig gestolpert, in Regale geflogen, ein paarmal habe er sogar den Eingang seiner Schule verpasst. Es ist eine Mischung aus Gleichgültigkeit und Wut, die den Jungen trotz blutiger Stellen dazu treibt, weiterhin mit seinen Kumpels Basketball zu spielen und bei heimlichen Motorradtouren Beinahe-Crashs heraufzubeschwören.
Bittere Erleichterung habe er verspürt, als ihn sein Sehvermögen schließlich ganz verließ. Endlich kein falsches Hoffen mehr. Erik besucht die erste Klasse des College, als ihn sein Sportlehrer motiviert, bei einem Ringkampf mitzumachen. Warum nicht, denkt er - da wird sein spindeldürrer Körper auch schon mit Wucht auf die Matte gedrückt. Sekunden, die einen Wendepunkt bedeuten, denn: "Zum ersten Mal kam ich mir nicht mehr wie der arme Blinde vor, der mit Samthandschuhen angefasst wurde." Bei den folgenden Kämpfen versucht Erik zu orten, wo sich sein Gegner befindet: Woher kommt der Atem? An welchen Stellen gibt die Matte nach? Wachsamkeit und der geschickte Einsatz von Körperkraft scheinen es möglich zu machen, die eigene Hilflosigkeit zu überwinden. Mehrfach landet Erik bei nationalen Ringerchampionaten auf dem Siegertreppchen.
Ein Kletterausflug während eines Sommercamps für Blinde wird zum Schlüsselerlebnis. "Eure Hände und Füße müssen eure Augen werden", meint der Trainer. Erik ertastet jede Erhebung, jedes Loch und sieht den Felsen dabei immer genauer vor sich. Im Grunde sei das bis heute das ganze Geheimnis, sagt er. "Berührungen erzeugen Bilder, mit deren Hilfe ich mich orientieren kann." Bald klettert Erik besser als alle seine sehenden Klassenkameraden. Als sein Kumpel Sam vorschlägt, den McKinley, den höchsten und gefährlichsten Berg Nordamerikas, zu besteigen, "klang das wie der Traum eines Spinners", gibt Weihenmayer zu. "Aber wir wollten ja verrückt sein. Unsere Träume leben."
Da die Zeit zu knapp ist, um täglich in die Berge zu fahren, jagen die Jungs wochenlang jeden Abend mit 30-Kilo-Rucksäcken die Hintertreppe eines Hochhauses hinauf. 50 Etagen, 150 Meter Höhenunterschied. Schnell wird aus dem Spiel hartes Training, wird der Traum zu einem Plan, dem sich eine Reihe erfahrener Bergsteiger anschließt.
Jeder, der einmal mit Weihenmayer beim Klettern war, nimmt seine Skepsis zurück, da könnte sich einer zu viel vorgenommen haben. Gefrorene, tausend Meter hohe Wasserfälle, steilste Felswände - kein Problem für den Bergsteiger, für den die Welt bei Tag so aussieht wie bei Nacht. Im Eis kommt Weihenmayer schneller voran als die meisten, er verlässt sich ganz auf sein Gehör. Es seien eher die längeren, relativ ebenen Strecken, die ihm zu schaffen machten, sagt Weihenmayer. Stellen, an denen die anderen verschnaufen. Wenn er sich nicht auf seinen Tastsinn verlassen kann, achtet er auf die Vibration des Bodens, das Echo seiner Stimme, arbeitet sich mit zwei höhenverstellbaren Stöcken zentimeterweise vor. Blindes Vertrauen zu seinen Teamkollegen braucht er nur in der Nähe von Gletscherspalten oder an Abgründen.
Ein Jahr und dutzende Kurz-Expeditionen vergehen, bis Erik Weihenmayer zum ersten Mal die Weite spürt, die von einem Gipfel ausgeht, der einen ganzen Kontinent überragt. "Da oben herrschte absolute Stille. Für einen Blinden, der sich am Gehör orientiert, eine unheimliche Situation." Die allerdings binnen Minuten einem tiefen Vertrauen wich: Auf einmal habe er sich als Teil eines offenen Universums erlebt, erinnert sich Weihenmayer. "Als wäre ich mit der ganzen Welt verbunden."
Vielleicht ist es jene Kraft die den damals 27-Jährigen dazu motiviert, die McKinley-Tour als Anfang eines großen Projekts zu sehen - gegen das vor allem US-Klettervereine Sturm laufen: Ein Blinder, der die "Seven Summits", die höchsten Gipfel der sieben Kontinente, besteigen will - das halten viele für unverantwortlich. Der bringt unseren Sport in Verruf, heißt es, reißt schlimmstenfalls ein ganzes Team in den Tod. Zum Glück gibt Erik Weihenmayer zu diesem Zeitpunkt nicht mehr viel auf das Gerede anderer. "Hätte ich stets auf die Ratschläge irgendwelcher Leute gehört, wäre ich nie auf einen Berg gestiegen", winkt er ab.
Und erzählt von weiteren Abenteuern. Gipfelbesteigungen in Südamerika und Kanada. Und davon, wie er 1997 in 4000 Metern Höhe am Kilimandscharo seine College-Liebe Ellen geheiratet hat. Wie er dort mit ihr stand, den Wind und die Sonne spürte, jemand ein Tuch um sein Handgelenk und das seiner Frau wickelte und sagte: "Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen."
Im Frühjahr 2001 bricht Erik Weihenmayer für drei Monate nach Nepal auf. Er weiß, dass er ein Risiko eingeht. Aber er ist sich sicher, dass dieses Risiko nicht größer ist als das eines Sehenden. Nur zehn Prozent aller Bergsteiger, die sich zum Gipfel des Mount Everest aufmachen, kommen oben an. Es gibt Phasen, in denen Weihmayers Team, bestehend aus elf Kletterern und acht Sherpas, eine Woche lang keinen Meter vom Fleck kommt. Fotos, auf denen der Blinde mit Atemmaske vor einer Schale Trockennahrung hockt oder solche, auf denen er angeseilt über einem Abgrund seine Notdurft verrichtet, zeigen Situationen, über die keiner lachen mag. Oberhalb von 7000 Metern wird die Luft dünn, kann keiner mehr klar denken. In der "Todeszone", den letzten 1000 Metern vor dem Gipfel befinden sich einige kurz vor dem Kollaps. Die vielen Toten, die es hier gegeben hat, zeigen: Wer hier schlapp macht, ist verloren.
Die letzten zwei Stunden vor dem Ziel geht es über einen steilen Grad. Erik Weihenmayer stoppt, telefoniert per Satellitentelefon mit George W. Bush, der den Anruf erwartet. "Spitzenleistung! Ihr müsst mich im Weißen Haus besuchen", sagt der Präsident. Erst da wird dem 32-Jährigen bewusst, wo er steht. Der Gipfel scheint zum Greifen nah, da spürt er, wie seine Atemmaske mit Tränen vollläuft, die in der Maske gefrieren. Ein Freund um-armt ihn, macht Mut für die letzten Meter.
Erik Weihenmayers Lippen zittern, wenn er von diesem Moment berichtet. Man solle nicht glauben, es ginge ihm vor allem um seine eigene Leistung, stellt er klar. "Ich wollte ein Zeichen setzen. Nicht nur für Blinde, sondern für jeden, der sich wie ich damals hilflos dem Schicksal ausgeliefert fühlt." Im kommenden Sommer will Erik Weihenmayer die letzten beiden der sieben "Summits" schaffen, einen in Georgien, einen in Australien. Mit der Everest-Besteigung seien natürlich beide Touren nicht vergleichbar, sagt er, das sei das großartigste Erlebnis gewesen. Das großartigste ... ?
Auf einmal bekommt er wieder diesen nachdenklichen Blick. Erinnert sich an eine Szene vor ein paar Monaten, als er sein inzwischen 15 Monate altes Töchterchen Emma durch die Straßen seiner Heimatstadt in Colorado trug. Emma schlummerte in einem Tragebeutel auf seinem Bauch, da umfasste plötzlich eine Babyhand einen seiner Finger, "Manchmal", sagt Erik Weihenmayer, "werden diese riesigen Berge plötzlich ganz klein."

Kürzlich erschien Erik Weihenmayers Buch

Ich fühlte den Himmel. Ohne Augenlicht auf den höchsten Gipfel der Welt, Piper Verlag, 426 Seiten, 39,80 Mark. Webseite von Erik Weihenmayer: www.touchthetop.com

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Klettern mit Sehbehinderten
Zwischen Himmel und Donautal

Für viele Sehbehinderte und Blinde bietet der Klettersport die Möglichkeit, eigene Fähigkeiten besser einzuschätzen, Selbstvertrauen zu gewinnen und Sozialverhalten zu trainieren. Die Kletter AG ist ein gelungenes Beispiel des Inte- gratlven Konzepts, das Schule macht.

Wer abseilen möchte, sollte eines nicht tun - nach unten schauen. Tom* steht in Brust- und Hüftgurt gezurrt wie festgewachsen dicht an einer Felskante. Beim Blick aus 20 Metern Höhe in den Abgrund, wo seine Kameraden wie Playmobilfiguren aussehen, bekommt der 14-Jährige ein mulmiges Gefühl. Skep-tisch weicht er von der Abbruchkante des Verlobungsfelsens zurück. "Halt mich ja fest! Ich trau mich nicht", bittet der Schüler hilfesuchend seinen Betreuer. "Natürlich willst du", macht ihm Pädagoge Dietmar Stefan Mut und bereitet seinen Schützling einfühlsam auf seinen ersten Abseilversuch vor. Toms Finger sind ganz weiß, so fest hält er die Hand seines Helfers. "Der Einstieg ist das Schwierigste, dann geht's ganz leicht." Vorsichtig tastet sich Tom rückwärts an die Kante. Behutsam löst Dietmar Stefan die Selbstsicherung. Jetzt bloß nicht talwärts blicken. Noch einmal muss Tom sich überwinden. Langsam verlagert er schließlich sein Gewicht nach hinten und lässt sich unter den hämisch grinsenden Blicken seiner Kletterfreunde angespannt Stück für Stück hinunter.

Nach Toms Zitterpartie ist Simon* an der Reihe. Wer abseilen möchte, sollte eines nicht tun - nach unten sehen. Die Augenli-der des 14-Jährigen jungen indischer Her-kunft sind fast geschlossen, so als ob er gar nicht hinschauen möchte, wie tief es nach der Kante abwärts geht. Konzentriert bringt Simon den Abseilachter in die richtige Posi-tion und schwingt sich mit unbewegter Miene ohne Hilfe über den Rand des Fel-sens. Simon ist seit seiner Geburt sehbehin-dert - nur schemenhaft kann er die Kletterfelsen im Donautal erkennen, die an Obelix' Hinkelsteine erinnern. Seinen Freunden gegenüber hat er aber einen entscheidenden Vorteil: Seine gravierende Sehbehinderung schützt ihn vor dem Gefühl der Höhenangst.

Die Gründung der Kletter AG - ein integratives Projekt

Einmal jährlich sind Simon und Tom mit 13 teils sehbehinderten und blinden Schülern auf einer integrativen Kletterfreizeit unterwegs, um die Kunst des Kletterns spielerisch zu erlernen. Angefangen hat alles in der Kletterhalle in Rottweil. Dort trafen Blindenlehrer Bernhard Uhl und Blindenpädagoge Dietmar Stefan mit ihren sehbehinderten Schülern der Blindenschule Heiligenbronn Klaus Grüner, der dort ebenfalls zu den Stammgästen zählt. Fasziniert schlug ihnen der Lehrer der Graf-von-Bissingen-Hauptschule vor, ein integratives Projekt mit seinen Hauptschülern auf die Beine zu stellen - die Idee der Gründung einer gemeinsamen Kletter AG war geboren. Um das Sponsoring des Projekts mussten sich die Hobbykletterer keine Sorgen machen. Zuschüsse vom Schulamt sowie Spendengelder garantierten die finanzielle Absicherung, die Eltern der Teilnehmer tragen für den Ausflug lediglich einen Kostenanteil von 50 Mark. Damit sie bereitwillig die Kletteraktionen unterstützen, galt es zunächst Überzeugungsarbeit zu leisten: Einige Eltern misstrauten den klettertechnischen Fähigkeiten ihrer sehbehinderten Kinder. Doch die übereinstimmende Akzeptanz der KletterAG bei den jugendlichen, für die das Klettern Herausforderung und Spaß zugleich bedeutet, lieferte den Initiatoren das schlagkräftigste Argument für den Ausbau des Kursangebots: Neben Surfen und Skifahren steht jetzt auch wöchentliches Klettern auf dem Programm. "Früher bedeutete der Sport für die sehbehinderten Jugendlichen meist Rehabilitation", erzählt Bernhard Uhl, "jetzt ist die Freude, gemeinsam etwas zu erleben, in den Vordergrund gerückt." Außerdem fördert das Klettern den Körper und Geist ganzheitlich, stärkt das Selbstbewusstsein der Jugendlichen und hat gleichzeitig einen hohen Anspruch an Normalität, weil andere es auch tun" - was das Beispiel von Simon und Tom beweist: Beim Klettern oder Abseilen haben Sehbehinderte das Gefühl, Nichtbehinderten gegenüber gleichwertig oder sogar noch besser zu sein.

Handicap - kein Hindernis!

Der von Geburt an vollblinde Dominik* kann vom Klettern offensichtlich nicht genug haben. Zehn Routen hat der schlaksige 14-jährige mit dem schmalen Gesicht schon gemeistert. jetzt lässt er nicht locker, eine Route im Schwierigkeitsgrad 5- zu versuchen. Bernhard Uhl führt den ehrgeizigen Kletteraspiranten, der seinen Gurt eigenständig anlegt und die Knoten im Handumdrehen knüpft, behutsam an den Fels. Mit flinken Bewegungen ertasten Dominiks Finger den rauhen Kalkfels, so als ob sie das Gestein "lesen" könnten. Schnell entdeckt seine rechte Hand einen kleinen Felsvorsprung, an dem er sich halten kann. Seine linke Hand findet zugleich einen weiteren hilfreichen Griff. Dann zieht Dominik seinen Fuß langsam tastend über den Felsen nach, bis zu einem sicheren Tritt. Stück für Stück arbeitet er sich so sicher dem Ausstieg entgegen. Ab und zu greifen Dominiks Hände auch ins Leere. Mit aufmerksamen Blick verfolgt Bernhard Uhl alle Bewegungen seines Schülers und gibt auch mal einen Tipp, wenn auf Anhieb kein Halt an der SchlüsseIstelle zu finden ist. Motiviert und kämpferisch zieht Dominik den Fuß höher und steht sicher am kleinen Vorsprung in zehn Meter Höhe. Oben angekommen federt er voller Freude durch Pendeln und geschicktes Abstoßen an die Einstiegsstelle zurück. Keine einzige Kletterbewegung hat er sich von seinen Seilpartnern abschauen können. Ohne optische Kontrolle muss er sich stark konzentrieren, um die Informationen aus dem Muskel- und Tastsinn in Bewegung umzusetzen. "Geburtsblinde nehmen die Welt ganz anders wahr als wir Sehenden", erklärt Bernhard Uhl, "sie orientieren sich Schritt für Schritt". Anders als bei einer gut griffigen Wand ist die Orientierung beispielsweise an einem griffarmen Pfeiler für Dominik nur sehr schwer möglich. "Ein komisches Gefühl", meint er nach der enormen Herausforderung, "viel unsicherer und schwieriger als die Route zuvor".

Von der Kletter AG bis zum JDAV-Kurs "No Limits"

Die Natur in diesem spannenden Abenteuer zu erleben ist für Dominik nicht so selbstverständlich wie für Nichtbehinderte. Viele behinderte Jugendliche wie Dominik leben oftmals im wohlbehüteten Schonraum von Heimen oder ähnlichen Einrichtungen. Die Kletter AG um Bernhard Uhl und Klaus Grüner versucht hier wie auch viele andere Erzieher oder Lehrer eine Lücke zu schließen. Als Helden des Alltags ergreifen sie beherzt die Initiative und organisieren allen behördlichen Hürden zum Trotz Kletterkurse und rennen bei den begeisterungsfähigen Jugendlichen damit offene Türen ein. So zum Beispiel Elke Klar, die als Erzieherin bei der Lebenshilfe Kempten e.V. tätig ist und geistig Behinderten in der offenen Arbeit die Faszination des vertikalen Sports in der Kletterhalle Seltmanns vermittelt. Oder die Gründer der Klettergruppe St. Joseph um Ralf Kaisers, einem Bildungs- und Pflegeheim in Mönchengladbach, die mit regelmäßigen Kletteraktionen eine gruppenübergreifende Freizeitmöglichkeit für geistig Behinderte ins Leben gerufen haben. Erwähnenswert sind auch vereinzelte Aktivitäten der DAV-Sektionen Altdorf, Bad Kissingen, Heilbronn, Kempten, München, Stuttgart sowie das Klettertraining und die Anfängerkurse für Blinde, Gehörlose und geistig Behinderte der IG Klettern München-Südbayern (seit 1994). Das Feedback der Jugendlichen gibt allen Beteiligten Recht: Bei allen Kletteraktionen entwickelte sich mehr als "nur" eine vorübergehende Möglichkeit sporadischer Freizeitgestaltung. Die Teilnehmer lernten ihre Fähigkeiten wirklichkeitsnäher einzuschätzen, sich eigenen Ängsten zu stellen und diese so schrittweise, ganz oder teilweise, immer wieder neu zu überwinden. Dieses Ziel hat sich auch die JDAV mit ihrem erfolgreich angelaufenen Jugendkurs "No Limits" auf die Fahnen geschrieben, gleich dem integrativen Konzept der Kletter AG. Vom Wandern über Klettern bis Biwakieren planen behinderte und nichtbehinderte Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren ihre alpinen Aktivitäten gemeinsam. Vielfach sind integrative Gruppen für behinderte Kinder die beste Förderung, sie erfahren Normalität und lernen durch Nachahmung. Außerdem wird derjenige, der bereits als Kind oder Jugendlicher mit behinderten Kindern gespielt oder gelernt hat, auch später die Behinderung nicht als anormal abwerten", sagt Bernhard Uhl.

Vorurteile und Berührungsängste abbauen

Dominik legt nach seinem Klettererfolg selbstzufrieden eine Pause ein und demonstriert seinem nichtbehinderten Seilpartner Markus, wie ein Sackstich zu knüpfen ist. Der Betreuer kontrolliert stets nochmals genau, ob die Anseilgurte richtig angelegt und die Knoten korrekt geknüpft sind, dann geht's los! Durch die Seilspannung kann Dominik ganz genau spüren, wann er das Seil nachziehen muss. Nun trägt auch er gleichwertige Verantwortung für seinen Seilpartner. "Klettern ist mein größtes Hobby", bekräftigt Dominik. Hier kennt er sich aus und steht seinen nichtbehinderten Gefährten in nichts nach. "Sonst sagen ihm oft die anderen, was er machen soll", ergänzt Bernhard Uhl. Das bestätigt auch Ludger Bernhard, Leiter der Schule für Blinde und Sehbehinderte in Schramberg-Heiligenbronn, der als begeisterter Kletterer die Initialzündung für die Kletter AG gab: "Durch die integrativen Kletterfreizeiten können unsere sehbehinderten Schüler vor allem auch ihre soziale Kompetenz verbessern, was ihnen für den Einstieg in das Berufsleben sehr zugute kommt." Während Dominik konzentriert das Seil hält, fragt ihn eine Schülerin "Wie funktioniert denn das Blindklettern"? Unwissend zuckt er mit den Schultern. So richtig beantworten kann Dominik die Frage nicht. Er klettert einfach, wie jeder andere auch.

Bis zum herzlichen Miteinander der Schülergruppen war es ein langer Weg, zeigte sich doch bei den Hauptschülern eine große Scheu vor den blinden und sehbehinderten Kletterkameraden. Anstatt den direkten Kontakt zu suchen, richteten die Hauptschüler ihre Fragen hauptsächlich an die Betreuer. Die Schüler mussten erst lernen, Dominik selbst anzusprechen. "Frag ihn doch selbst!", gab Hauptschullehrer Klaus Grüner dann zur Antwort. Seiner Meinung nach ist der Kletterkurs für den sozialen Umgang der Jugendlichen wichtig, sollte aber als therapeutische Maßnahme nicht überbewertet werden. "Die Hauptsache ist, dass es den Jugendlichen Spaß macht. Aufgrund der neuen Erfahrungen werden sie ein bisschen offener, sensibler und gehen beim nächsten Mal schneller und ungehemmter auf Blinde oder Behinderte zu."

Beim Aufräumen der Kletterutensilien helfen die Teilnehmer der KletterAG fleißig zusammen. Der blinde Dominik sitzt müde, aber zufrieden auf einer Holzbank am Rande des Geschehens. Heute hat er sein klettertechnisches Können bis zum Letzten ausgereizt und seine ambitionierten Mitstreiter der Kletterfreizeit mit knapp einem Dutzend Routenbegehungen übertrumpft. Der schwierigste Streckenabschnitt steht dem Blinden aber noch bevor: ein Zehn-Minuten-Marsch zurück zum Ausgangspunkt. Der schmale, abschüssige Fußpfad schlängelt sich in engen Serpentinen vom Verlobungsfelsen bis zum Parkplatz. Feuchtes Laub und hervorstehende Wurzeln machen den Rückweg zu einer echten Herausforderung. Wer hier nicht stolpern will, muss seinen Blick nach unten richten. Der amerikanische Profibergsteiger Erik Weihenmayer, der Ende Mai 2001 blind den Mount Everest erstieg, sagte kurz vor seiner Begehung des Mount Mc Kinley: "Als Blinder kann ich nicht einfach hergehen und einen Berg erklettern. Man muss andere Strategien entwickeln, um dasselbe zu erreichen wie die anderen Leute. Man gelangt an dieselben Orte, nur auf andere Art und Weise. Meine Strategie unterscheidet sich sehr von der Sehender, aber wir erreichen beide das Ziel." Die Teilnehmer der KletterAG werfen nochmals einen letzten sehnsüchtigen Blick auf den Verlobungsfelsen, dann macht sich, die Gruppe auf den Heimweg. Zur Orientierung hält sich Dominik mit beiden Hände sicher am Rucksack des Vordermanns ein. Mit Hilfe seines Partners kommt er dem Ausgangsort langsam Stück für Stück näher. Es ist eben normal, verschieden zu sein.

Interessante Adressen und Links:
Klettern und Bergsteigen für Behinderte

"Berge für alle"
Michael und Margit Kleemann, TeL: 08061-50 41
E-Mail: margit.kleemann@firemail.de
das bergbegeisterte Ehepaar bietet integrative Wanderungen im Rahmen von DAV- oder Bund Naturschutz-Aktionen an. Nächste Termine:
13. 10. Riederstein am Tegernsee,
17.11. Grüne Gumpe bei Bayrischzell,
02.12. Chiemsee--Wanderung mit Überfahrt (Bund Naturschutz),
Fackelwanderung zur Schliersbergalm (Schlierseeberge) am 2 6.10. (Sektion München des DAV)

Behinderten- und Versehrten-Sportver-band (BVS) Bayern e. V.
Kapuzinerstr. 25a, 80337 München, Tel.: 089-54 41 89-0,
E-Mail: bvs-bayern@t-online.de
Internet: www.bvs-bayern.de
die Broschüre "Freizeit 2001" mit wissenswerten Infos zum Thema "Behindertensport" kann kostenlos beim BVS angefordert werden.

Blindenfreizeiten Pater Lutz
Postfach 183, A - 6460 Imst, Tel.: 0043-5412-6 31 66
Wander- und Bergsteigerwochen für Blinde und Sehbehinderte.

Bundesverband Selbsthilfe Körper-behinderter e. V. (BSK)
Reiseservice, Post-fach 20, 74236 Krautheim, Tel.: 06294-6 81 10, Fax. 06294-9 53 83,
E-Mail: reiseservice@bsk-ev.de
Internet: www.bsk-ev.de
die Neuauflage des Reise-ABCs bietet Körperbehinderten Reisetipps, Infos und wichtige Adressen für die Urlaubsplanung und kann zum Preis von 10 Mark (inkl. Porto von 2 Mark) per E-Mail oder gegen die Einsendung eines Verrechnungsschecks beim BSK bestellt werden.

IG Klettern München-Südbayern e. V.
Grafinger Strasse 6, 81666 München, Tel.: 089-40 90 88 03
E-Mail: info@muenchen.igklettern.de
Internet: www.muenchen.igklettem.de
Anfängerkurse, Klettertrainings und Sicherheitskurse für Blinde, Gehörlose und geistig Behinderte je nach Bedarf.

JDAV
Von-Kahr-Str. 2-4, 80997 München, Tel.: 089-140 03-0;
der Jugendkurs "Erlebniswoche mit Handicap" bietet 14- bis 18-jährigen vom 29.7-4.8.01 eine Woche voller erlebnisreicher Abenteuer, bei dem Jugendkurs "No Limits" vom 26.8.-1.9.01 können 18- bis 25-jährige behinderte Jugendliche gemeinsam mit Nichtbehinderten verschiedene alpine Aktionen gemeinsam durchführen.

Kur- und Begegnungszentrum Saulgrub
Alte Römerstr. 41-43, 82442 Saulgrub, Tel: 08845-99-0, Fax: 08845-99-1 21,
E-Mail: saulgrub@bbsb.org
Internet: www.bbsb.org
Wanderprogramme für Sehbehinderte, organisiert vom Bayerischen Sehbehinderten- und Blindenbund e. V.

Mobilitätsservlce der DB
Ein-, Um- & Aussteigehilfen für Mobilitätseingeschränkte, Reservierung, Fahrplanauskünfte, Zusendung von Tickets auf Wunsch;
Tel: 0180 5-512 512
Sprechzeiten Mo-Fr 8-20 Uhr, Sa 8- 14 Uhr

Tirol ohne Handicap
Broschüre hrsg. vom Tiroler Fremdenverkehrsverband mit behindertengerechten Unterkünften im Tiroler Urlaubsgebiet, zu bestellen unter der TeL: 0043-512-72 72, Fax: 0043-512-7 27 27
E-Mail: tirol-info@tirolwerbung.at
Internet: www.tiscover.com/handicap

Radkultur-Zentrum Vogtland
Am Markt 12, 08491 Nerzschkau, Tel: 03741-52 18 38
integrative Radtouren im Osten Deutschlands mit Übemachtungsmöglichkeiten im Radkultur-Zentrum Vogtland (in Planung).

Schweizer Alpen Club (SAC)
Sektion Rinsberg, Im Grünhof 2, CH - 8180 Bülach, TeL: 0041-1-8 60 08 74
E-Mail: kernen.meier@freesurf.ch
Internet: www.rinsberg.ch
Bergsportlager mit behinderten Menschen.

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